Das Alevitentum

Das Alevitentum formte sich erst in Anatolien im 13. und 14. Jahrhundert. In der Türkei ist das Alevitentum auch heute dank der fortgesetzten mündlich tradierten Überlieferungen, insbesondere durch die Glaubensältesten und durch die alevitischen Dichter und Saz-Spieler (eine Art Barde) als Glaube und Kultur mit seinen sozialen Normen und Werten lebendig. Daher spielt die Musik bei den Aleviten eine große Rolle.

Die Aleviten unterstützten den Laizismus, Rechtsstaatlichkeit und die Demokratie. Die alevitische Bevölkerungsgruppe war eine der tragenden Kräfte bei der Gründung der Republik der Türkei, weil sie sich insbesondere durch die Abschaffung der muslimischen Rechtsordnung (Scharia) und die Einführung des Laizismus eine Gleichberechtigung erhoffte. Auch heute noch betrachten die Aleviten die laizistische Staatsform als Grundlage ihrer Existenz.

Aleviten in der Türkei

Das Vorhandensein von 10-20 Mio. Aleviten wird offiziell geleugnet. Staatliche Stellen "übersehen" sie und bemühen sich die Bevölkerung der Türkei als durchgängig sunnitisch-muslimisch darzustellen. Seitdem in der Türkei der Religions- und Ethikunterricht in den Schulen infolge der neuen Verfassung von 1982 zum Pflichtfach geworden ist, sind die Kinder aus alevitischen Familien verpflichtet, am Religionsunterricht teilzunehmen, in dem nicht ihre eigene, sondern die sunnitische Glaubensrichtung gelehrt wird. Durch eine solche Unterrichtung, die der familiären religiösen Erziehung zuwiderläuft, werden bei den jungen Menschen Gewissens- und Familienkonflikte hervorgerufen. Darüber hinaus führt es zu Konflikten zwischen alevitischen und sunnitischen Schülern und der Familien und damit immer wieder zum Zwiespalt der beiden Religionsgemeinschaften.

Das Amt für religiöse Angelegenheiten in der Türkei (Diyanet) bestimmt die finanzielle Förderung der muslimischen Gemeinden und gestaltet den Religionsunterricht an den Schulen. Das diesem Amt aus den Steuern aller in der Türkei lebenden zur Verfügung gestellte Budget wird ausschließlich zur sunnitischen Lehre und zur Betriebsinanzierung von sunnitischen Moscheen genutzt. Dabei beansprucht dieses Amt den gesamten Islam zu vertreten. Seit Anfang der achtziger Jahre entsendet das Amt für religiöse Angelegenheiten sunnitische Geistliche zum Zwecke der Missionierung auch in alevitische Dörfer, baut dort verstärkt sunnitische Moscheen und setzt damit die dortigen Aleviten und ihre Geistlichen unter erheblichem Druck.

Die Aleviten konnten aufgrund ihrer "Minderheitenrolle" bis heute weder ihre Kultur und Religion frei ausüben noch damit in die Öffentlichkeit treten. Sogar heute noch darf in der Türkei keine Gemeinde, Verein oder eine Kultureinrichtung unter einem 'Alevitischen' Namen geführt werden, weiterhin wird die alevitische Konfession offiziel nicht anerkannt. Dagegen wird aber die sunnitische Konfession durch den Staat mit Hilfe von staatlichen Finanzmitteln (Steuereinnahmen aller Bürger der Türkei) und dem 'Amt für religiöse Angelegenheiten' (Diyanet Isleri Bakanligi) stark gefördert.

Das "plötzliche" Auftreten der Aleviten in jüngster Zeit ist darauf zurückzuführen, dass sie wieder Opfer zunehmender Gewalt von muslimischen Fundamentalisten und türkischen Rechtsradikalen geworden sind. Zu diesen Gewalttaten gehört z.B. der Brandanschlag in Sivas/Türkei im Juli 1993, bei dem 33 Intellektuelle und Künstler sowie 2 Bedienstete des Hotels ermordet wurden. Auch der rechtsradikale Angriff auf alevitische Teehäuser in Istanbul im März 1995 forderte fünf Tote. Auf den darauf folgenden Protest-Demonstrationen ist die Anzahl der alevitischen Toten auf ca. 30 gestiegen.

Wer sind die Aleviten?

So wie alle anderen Religionen dieser Welt, beinhaltet auch der Islam verschiedene Konfessionen. Der westlichen Welt sind nur die Schiiten (z.B. im Iran) und die Sunniten (z.B. in Saudi-Arabien) bekannt. Aber außer diesen beiden gibt es noch viele verschiedene Konfessionen, die je nach Ländern unterschiedlich stark vorkommen. Wegen des gemeinsamen Ursprungs der Spaltung des Islam nach Mohammeds Tod, werden die Aleviten formal den Schiiten zugerechnet und aus diesem Grund fälschlicherweise oft mit ihnen gleichgesetzt. Völlig verschiedene geschichtliche und religiöse Bedingungen in der Türkei und im Iran bewirkten, dass sich diese Gruppen sehr unterschiedlich entwickelten. So gibt es heute bedeutsame Unterschiede im Verhältnis zu Gewalt und der Stellung der Frau: Die Aleviten lehnen Gewalt grundsätzlich ab, in ihren Gemeinden sind Frauen den Männern gleichgestellt. Im schulischen Religions- und Ethikunterricht wird die alevitische Lehre nicht vermittelt.

Dazu gehören auch die Aleviten, die nicht nur in der Türkei, sondern auch in den Balkan-Ländern und in einigen Arabischen Staaten leben. Je nach Schätzung zwischen 15 und 25% in der Türkei lebenden 72 Millionen Menschen gehören dieser Konfession an. Natürlich gibt es auch Christen, Juden und Andersgläubige, die schätzungsweise ca. 2-5% ausmachen.

Quelle: Pazarbelen, überarbeitet von IK